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Tibet Panu-Gletscher

Tibet – das Dach der Welt, auch Land der Schneeberge bezeichnet – zählt zum Traumziel zahlloser Bergsteiger. Es ist berühmt für seine weiten, einsamen Landschaften, die schimmernden Eisgipfel des Himalaja und Transhimalaja und die Großartigkeit seiner Kulturdenkmäler – besonders die mystischen Tempel und kostbaren Heiligtümer in den Klöstern. Als das höchste und größte Hochland der Erde wird es von Gebirgsmauern und durch wilde Hochgebirgsschluchten abgesperrt. Nördlich von Lhasa, der Hauptstadt Tibets, im Transhimalaja, liegt das Nyenchenthanglha-Gebirge. So bezeichnet man nicht nur den höchsten Gipfel, sondern auch die gesamte Bergkette zwischen dem trockenen Nordtibet, dem ChangTang Hochland, und den fruchtbaren südlichen Regionen. Über 30 Sechstausender zusammen mit einem aus vier Gipfeln bestehenden Siebentausender warten auf entdeckungsfreudige Bergsteiger(innen). Nyenchenthanglha ist auch der Name und Sitz eines Berggottes, allen Tibetern als gütiger und mächtiger Geist ein Begriff, der Berg ist ihnen deshalb heilig.

Dieses Gebiet haben ich und 8 Freunde uns zum Ziel gesetzt, um wieder einmal im Ausland bergsteigerisch tätig zu werden. Die Gegend darf erst seit einigen Jahren von Touristen bereist werden, man kann auch heute nur mit einem chinesischen Travel-Permit und Führerbegleitung dorthin fahren. Als Zweck unserer Reise haben wir „Trekking“ angegeben, das heißt, dass wir keine Gipfelbesteigungen hätten durchführen dürfen. (Dafür werden sonst Gebühren bis zu 10.000 USD verlangt.) Verletzung der Menschenrechte, Umweltprobleme, Ausbeutung und umfassende Benachteiligungen des tibetischen Volkes durch China dürfen allerdings nicht unerwähnt bleiben und sind für die Erhaltung von Kultur, Religion und althergebrachten Lebensweisen eine ernsthafte Bedrohung.

Unser Flug ging über Beijing (Peking), nach Lhasa. Wichtig als Vorbereitung für das Höhenbergsteigen ist eine gute Akklimatisation. Dafür wurde der Aufenthalt in Lhasa, das auf einer Höhe von 3700 m liegt, genützt. Wir haben einige Klöster wie Sera, Ganden oder Samye besucht, und gleichzeitig durch weiterführende Wanderungen auf über 5000 m uns an die dünne Luft gewöhnen können. Der Aufenthalt und die Eindrücke in Lhasa, sind einen eigenen Bericht wert, als Highlights seien nur der Potala-Palast, Jokhang-Tempel, und der Altstadtbezirk Barkor erwähnt.

Das eigentliche Ziel unserer Reise sollte aber das Bergsteigen sein. Es gibt keine Landkarten, zur Orientierung dienten uns nur ein paar Fotos von einem Bekannten, der vor einigen Jahren dort gewesen ist. Wir hatten eine tibetische Reiseagentur angeheuert, die uns auch den Aufenthalt in Lhasa und die Anreise zum Basislager gemanagt, und einen Guide zur Verfügung gestellt hat.

„Am 17.Sept., 10 Tage nach unserer Abreise von zu Hause, geht es mit einem Bus los in Richtung Nyenchenthanglha, bis ins letzte Dorf am Fuße des Berges. Dieses besteht aus einigen Anwesen der dortigen Viehbauern, liegt auf 4700 m Seehöhe, und wir stellen das erste Mal unsere Zelte auf, um dort zu übernachten. Frauen mit Kindern besuchen uns, sind neugierig, ohne aufdringlich zu sein oder zu betteln. Am nächsten Tag wird das Lager wieder abgebaut. Männer aus dem Dorf beginnen, Trosssäcke und Tonnen auf Yaks und Pferde zu verteilen. Nur für das Küchen- u. Mannschaftszelt mit Ausrüstung und Verpflegung sind zuwenige Tragtiere da, man verspricht, den Rest am nächsten Tag nachzubringen. Uns steht ein halbtägiger Marsch durch das wild-schöne Hochgebirgstal, welches den Panu-Gletscher entwässert, über ca. 25 km aufwärts bis zum Platz wo das BC (Basecamp) auf 5300 m stehen wird, bevor. Die vergletscherten Gipfel rundherum kommen immer näher, man merkt die zunehmende Höhe, je dünner die Luft, desto gemächlicher das Tempo. Am späten Nachmittag können wir unsere Ein-Mann Zelte aufstellen, die persönlichen Sachen unterbringen und ordnen. Da das Küchen-Mannschaftszelt noch fehlt, gibt es am ersten Abend nur Trockenverpflegung und Tee. Trotzdem können wir alle eine gute Nacht verbringen, am nächsten Tag organisieren wir uns im BC und erkunden die Umgebung. Am Mittwoch werden Erkundungsspaziergänge in verschiedene Richtungen unternommen, es ist geplant, einen Tag später einen ersten Gipfel zu versuchen. Zu sechst starten wir am Donnerstag in der Früh, steigen bis zum Beginn des Gletschers auf 5600 m, und dann die weiten Schnee- und Eisfelder höher. Am Ende des Tales teilen wir uns, um zwei Gipfel zu versuchen. Die eine Seilschaft steigt gegen Westen über eine sehr steile Flanke, über eine Spaltenzone, und dann weiter die Firnschneide hinauf, dem Gipfel der weißen Sattelspitze (6370m) zu. Meine Gruppe geht geradeaus weiter, durch eine Steilrinne, über den Firngrat auf den Gompa Karpo Ri (6230m). Schönes Wetter, faszinierende Aussicht, Eisgipfel rundum, im Norden die weiten Ebenen des Hochlandes, ein herrliches zufriedenes Gefühl nach dem doch anstrengenden Aufstieg!

Freitag ist Ruhetag. Mit den Kochkünsten unseres Kochs sind wir nicht wirklich zufrieden. Gemüse, zusammen mit einem Huhn, aufgehackt in kleine Stücke, oder Yakfleisch landen in einem Eintopf, es schmeckt nicht wirklich. Trotz verschiedener Ratschläge wird der Speiseplan nicht besser. Sind vielleicht nur unsere Ansprüche zu hoch? Über Satellitentelefon holen wir Wetterinfos bei Dr. Gabl in Innsbruck ein. Für die Nacht auf Samstag ist Schnee angesagt, und es liegen dann in der Früh wirklich 20 cm Neuschnee. Freischaufeln der Zelte, Tee trinken, viel mehr ist an diesem Tag nicht möglich. Den Anstieg zum Hauptgipfel kann man einsehen, es gibt eine riesige überhängende Wechte die die Route bedroht. Jetzt noch der Schnee, wir überlegen und entschließen uns, wegen dieser objektiver Gefahren auf den 7000er zu verzichten. Am Sonntag ist das Wetter wieder besser, durch die trockene Luft und die Sonne ist der Schnee relativ schnell wieder weg. Einer in der Gruppe verletzt sich die Achillessehne ernstlich und an Bergsteigen ist nicht mehr zu denken. Helmut muss leider abzusteigen und früher heimzufahren.

Am Nachmittag machen wir zu fünft eine Erkundungstour zum Fuße des Panu-Gletschers und stellen dort unsere Hochlagerzelte auf. Das Wetter am Montag ist wieder sehr schön. Über einige Steileisstufen kommen wir auf den riesigen Gletscher, weiter oben führt der Aufstieg über eine steile Eisflanke und eine Felsrampe im 3.Grad. Wir können die Steileis- und Felspassagen frei klettern und erreichen über die scharfe Gipfelfirnschneide den höchsten Punkt und auch noch auf den Nachbargipfel – beide an die 6100m hoch. Kein Steinmann, keine Gebetsfahnen, einfach kein menschliches Lebenszeichen, ob hier vor uns schon Bergsteiger gewesen sind?!? Es ist sehr wahrscheinlich, dass uns da eine Erstbesteigung gelungen ist, erst zu Hause können wir recherchieren und das bestätigen lassen.

Am nächsten Tag gelingt zwei weiteren Freunden derselbe Gipfel. Für Gerd unseren Ältesten eine tolle Leistung – zu seinem heurigen 60. Geburtstag ein 6000er Gipfel! Mittwoch ist wieder Ruhetag, wir haben noch Lust auf weitere Gipfel. Am Donnerstag schaffen wir drei weitere Gipfel.

Mit dem Erfolg der Expedition sind wir zufrieden. Der 7000er Gipfel war wegen objektiver Gefahren einfach nicht ohne großes Risiko zu machen. Es wurden von der Gruppe insgesamt sieben 6000er bestiegen. Wir verbringen den letzten Abend im Basecamp, für den nächsten Tag sind Yaks und Pferde bestellt. Am Freitag sind die Tragtiere schon zeitlich in der Früh im Lager. Es gibt genug zu tun, Zelte abbauen, packen, aufladen, Verbrennen und Vergraben des Mülls, endlich geht es talwärts.“

Zurück im Bergdorf haben wir noch einmal im Zelt übernachtet. Von dort holte uns der Bus wieder ab, um noch einen Abstecher zum heiligen See Namtsho zu machen. Es ist dies der größte und höchste Salzsee Tibets auf 4700 m Seehöhe, die Landschaft ist großartig, einmalig und beeindruckend. Zurück in Lhasa, haben wir nach zwei Tagen den Zug nach Beijing bestiegen. Diese Tour mit der neuen so genannten „Himmelsbahn“, der höchsten Eisenbahn der Welt, die in 50 Stunden ca. 4500 km durch Tibet und China zurücklegt, und bis in eine Höhe von über 5100 m geführt wird, ist wieder eine eigene Geschichte wert. Der Rückflug brachte uns schließlich am 6.10. wieder nach Hause zurück.

Tibet ist ein ideales Ziel für Reisende, die die Schönheit von einsamer, rauer Natur zu schätzen wissen. Die klare Luft, türkisblaue Seen, bizarre geologische Erscheinungen, die sanften Hügel und hohen Berge, die grasbedeckte Hochlandsteppe, der weite Horizont mit tiefliegenden Wolken, sind Eindrücke, die sich unauslöschlich einprägen. Als Bergsteiger, der sich in der freien Natur bewegt, ist einem der Zugang möglich, und es bleibt deshalb diese Reise ein unvergessliches Erlebnis für uns alle.

Impressionen

Erwin Schumi

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