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Pumori 7161 m - Expedition 2007 - „die unverheiratete Tochter“

„Roland, Stefan, Breakfast ready“- es ist 23 Uhr am 31.10.2007- Singar unser Sirdar reißt mich aus einem schönen Traum, unser Gipfeltag (Nacht) beginnt.

Während sich Alois, Manfred und Kristian im Lager 1 auf 6120 Meter auf die Besteigung vorbereiten, wollen Roland und ich wieder einmal auf den Spuren „Anatolis“ vom Basislager auf 5350 Meter aus nonstop den Gipfel besteigen. Mit Speck und Ei und einem Kuchen werden wir von unserer Küchenmannschaft um Mitternacht auf den Weg geschickt.

Im Schein der Stirnlampe stolpern wir noch nicht ganz wach, auf der Moräne Richtung Berg zu, in Gedanken geht mir die Vorbereitungszeit durch den Kopf:

Nach wetterbedingtem längerem Aufenthalt in Kathmandu und Erledigung der behördlichen Aufgaben im Tourismusministerium können wir endlich nach Lukla fliegen und unsere Akklimatisationstour beginnen. Über Namche Bazar geht es den schon bekannten Weg nach Gokyo, wir besteigen den 5350 m hohen Gokyo Ri, queren den ebenso hohen Cho La Pass und gelangen am 21.10. über Lobuche in ein wunderbares Basislager am Fuß des Pumori. Jeder von uns ist glücklich, endlich vom Rummel des „Coca Cola Highways“ wegzukommen und die Einsamkeit am Berg zu genießen.

Das Basislager liegt auf 5350 m Höhe an einem Gletschersee auf einer Moräne, die von 8 bis 17 Uhr von der Sonne aufgeheizt wird und „gemütliche“ Wärme auch in der Nacht bietet, nur ein Bad im See wäre nicht gerade erwärmend. Nachdem wir Schlafzelte, Küchen - und Esszelt errichtet haben, gönnen wir uns einen Tag Ruhe und beobachten das spannende Treiben am nahe gelegenen 5545 m hohen Trekkinggipfel Kala Pattar. Der Blick auf unseren Berg schreckt jeden von uns ein wenig, - obwohl es keiner zugeben will - ein steiler, ausgesetzter Schneegrat führt auf die von uns getaufte „Silberpyramide“, aber wie wird der noch steiler und felsig ausschauende Grat in die Firnflanke führen, wie viel Schnee wird in der Flanke sein, besteht Lawinengefahr, haben wir genug Fixseile???

Am 23.10. beginnen wir bei herrlichem Wetter mit dem Versichern des Grates. Steile, teils senkrechte Schneepilze ragen über den nicht mehr als schuhbreiten Grat hinaus, das Klettern erfordert volle Konzentration bei jedem Schritt. Während Kristian, Roland und ich das Versichern des Grates übernehmen, bringen Alois und Manfred die notwendigen Seile, Zelte etc nach. An diesem Tag erreichen wir die sog. Silberpyramide auf 6186 m, ein spitziger, steiler u schmaler Schneegipfel mit herrlicher Aussicht auf das gegenüberliegende Dreigestirn Everest, Lothse u Nuptse.
Nach harter Vorarbeit gelangen wir in den Folgetagen zum steil aufschwingenden, kombinierten Felsgrat. Teils zeigen alte im Schnee eingefrorene Fixseile von früheren Begehungsversuchen. Durch sehr steiles, felsiges und teils blankes Eis klettern wir Seillänge um Seillänge gesichert, bergwärts, das Gelände fordert „richtige Bergsteiger“. Am 27 und 28. Oktober erreichen wir eine Höhe von 6650 Meter, 1100 Meter Fixseil sind verlegt, wir sind müde und steigen ins Basislager ab. Dort wird nach ausgiebigem Essen und Trinken und einem Ruhetag die weitere Taktik festgelegt und auf diese Entscheidung ein Schluck Himalayageist genossen.

1. November 2007, 02.40 Uhr- Roland und ich gelangen in stockdunkler Nacht an den Fixseilen entlang ins Hochlager, wo die anderen noch schlafen. Trotz der dünnen Luft wecke ich unsere Kameraden mit einem Lied, obwohl ich schwer schnaufen muss.

Wir steigen über die Silberpyramide hinweg und klettern langsam höher. Mit Hilfe von Musik und dem Schein der Stirnlampe gelange ich auf 6500 Meter, der Tag bricht an, ein herrliches Schauspiel was sich da in der Kulisse der höchsten Berge der Welt abspielt.

Bald sind wir am Ende der Fixseile angelangt, doch das Gelände bleibt steil, ausgesetzt und absturzgefährdet. Es heißt somit auch am Gipfeltag nochmals die restlichen 100 Meter Fixseile verlegen, dann haben wir wirklich nichts mehr und sind auf uns alleine gestellt. Im Aufstieg sollte das Gelände für Bergsteiger jedoch auch ohne Seil kein Problem sein, was jedoch beim Abstieg??

Nach einer steilen Flanke muss ein weiterer, horizontaler sehr schneidiger und überwechteter Schneegrat überwunden werden, der uns in die Gipfelflanke führt. Steil und unendlich lange steigen wir über den Sichelgrat, der sich in der Flanke ausprägt, in Richtung Gipfel. Schrittweise kämpfen wir uns spurend nach oben, Kristian und ich wechseln uns im Spuren ab, Roland nimmt Alois ans kurze Seil, Manfred folgt.

Nach 12 Stunden erreichen wir nacheinander endlich den höchsten Punkt des 7161 m hohen Pumori. Die Rundumsicht ist überwältigend, das Glücksgefühl durch den noch bevorstehenden schwierigen Abstieg noch beeinträchtigt, aber trotzdem erfüllend- der Aufstieg ist vorbei. Am Gipfel zu stehen bedeutet einem Bergsteiger viel, vor allem, wenn er weiß, was er ohne zusätzliche Hilfe von Sherpas und ohne Sauerstoff, alles mit eigener Hand erklettert, in dieser Höhe geleistet hat. Nachforschungen haben ergeben, dass der SW-Grat am Pumori vor 9 Jahren letztmals durchstiegen wurde, alle zwischenzeitlichen Versuche sind gescheitert.

Gegenüber liegt der Everest, wo sich zeitweise Tragödien abspielen. Hunderte „Möchtegernbergsteiger“ erklettern den Gipfel jährlich, mit Unterstützung von Sherpas, Sauerstoff, vorbereiteten Zeltlagern, Fixseilen und ganzen Versorgungskolonien. Oft sind diese nicht in der Lage ihre Steigeisen richtig anzuziehen, trotzdem erreichen sie den Gipfel und werden als Helden gefeiert.

Der Abstieg ins Lager 1 ist wie erwartet schwierig und gefährlich, er erfordert nochmals allerhöchste Konzentration, ein Rutscher und man findet sich 2000 Meter tiefer am Wandfuß wieder.

Als wir alle gesund im Lager 1 zusammentreffen sind wir müde aber sehr glücklich, den Pumori auf einer schwierigen und selten begangenen Route bestiegen zu haben. Ein Schluck Tee und die Augen fallen im warmen Schlafsack zu, in Träumen wird wohl jeder nochmals die Route durchklettern, oder träumt ein Bergsteiger auch etwas anderes??

Am Morgen weckt uns die Sonne und wir beginnen, die Zelte abzubauen. Mit einem letzten Foto mit „Hausi“, dem wohl höchsten Schneemann der Welt verabschieden wir uns vom Berg und steigen bepackt wie ein Sherpa ins Basislager ab.

Jetzt gehört uns der Gipfel wirklich, mit einem Kuchen werden wir standesgemäß empfangen, die Expedition geht dem Ende zu.

In 3 Tagen kehren wir nach Lukla, dem Ausgangspunkt ins Everestgebiet zurück. Von dort fliegen Roland und seine Montafoner Freunde nach Kathmandu und erledigen den Behördenkram.

Da ich scheinbar noch nicht ganz ausgelastet war, entschließe ich mich, den Fußmarsch nach Jiri dem bequemen Flieger vorzuziehen. Mit nochmals 7300 Höhenmeter im Auf und 10500 Höhenmeter im Abstieg durch eine herrliche, ursprüngliche Landschaft erreiche ich Jiri und mit einem Bus Kathmandu, die Hauptstadt Nepals.

Es war ein tolles Bergerlebnis mit einer steilen und ausgesetzten Gratbegehung und einer über allem stehenden erfolgreichen Besteigung des Wahrzeichens des Solu Khumbus, den 7161 m hohen Pumori. Nur durch eine ausgezeichnet funktionierende Teamarbeit und Kameradschaft aller konnte der SW-Grat erfolgreich erklettert werden.

Die Hauptdarsteller waren die Montafoner Dr Alois Tschofen (genannt Sherpa Luis - Notarzt), die Bergführer Manfred Kessler mit seinem Sohn Kristian und der Bergführer und Leiter der Alpinpolizei Bludenz Roland Mattle, sowie der Paznauner Bergführer und Leiter der Alpinpolizei Landeck

Stefan Jungmann

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