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Zwei sehr spannende Monate in Nepal

Manaslu–Trekking und  Solo-Versuch am Lhotse (8.516 m)

Für meine 15. Nepalreise habe ich einen sowohl interessanten als auch kühnen Plan: Zuerst wandere ich mit einer 13-köpfigen Trekkinggruppe rund um den Manaslu, wobei wir das Manaslu-Basislager besuchen und den 6.270 m hohen Larkaya Peak besteigen wollen. Anschließend möchte ich alleine ins Everestgebiet gehen und dort zum 50-jährigen Besteigungsjubiläum den 8.516 m hohen Lhotse im Alleingang, ohne Hochträgerhilfe und  Flaschensauerstoff erklettern.

Am 3. April starte ich mit 13 Bergkameraden ins Himalayakönigreich Nepal. Bereits bei der Ankunft in Kathmandu, der quirligen Hauptstadt, zeichnen sich aufgrund der heiklen politischen Situation die ersten Schwierigkeiten ab.


Empfang mit Blumenkranz am Flughafen Kathmandu, Enrico und Petra

Mit Beginn des übernächsten Tages ist ein wochenlanger Generalstreik, der das ganze Land lahm legen sollte, geplant. Mein Freund Min Dhan Rai hat daher unsere Pläne kurzfristig geändert; die Gruppe startet bereits am folgenden Tag kurz nach 4 Uhr morgens Richtung Manaslu-Gebiet. Ich bleibe zurück, um die notwendigen Genehmigungen einzuholen und meine Lhotse-Expedition endgültig zu fixieren. Um 15 Uhr habe ich endlich alle Permits und folge der Gruppe mit einem Minitaxi. Während dieser Taxifahrt, die mir wie ein Trainingslauf für die nächste Autorallye vorkommt, stehe ich Todesängste aus. Der absolute Höhepunkt ist folgende Situation: Wir fahren eine Rechtskurve - uns kommt ein LKW entgegen, der gerade von einem Bus überholt wird. Eine 3. Spur gibt es nicht. Nach einer Vollbremsung aller drei Fahrzeuge stehen wir voreinander. Ich denke mir, wenn du diese Taxifahrt heil überstehst, wirst du auch den Khumbu-Eisfall überleben. Nach 2 ½ Stunden krabble ich schweißgebadet aber dankbar aus dem Taxi. Mit Glück kann ich einen Panoramaplatz auf dem Dach eines Schulbusses ergattern und so in einer zirkusreifen Fahrt auf einem holprigen, staubigen Güterweg der Gruppe folgen. Ein kurzer Wolkenbruch lässt mich bald wie ein Stollenarbeiter aussehen. Bei einem kleinen Bauernhaus ist Endstation und es gibt einen köstlichen „Dhal Bhat“ (das nepalesische Nationalgericht aus Reis, Linsen und Gemüse). Die Bewohner machen unter dem Dach zwei Pritschen frei und so verbringe ich eine Nacht zwischen allem möglichen Kleingetier. Jedenfalls bekommt diese Schlafstätte von mir das Prädikat „Flohhütte“ verliehen.

Am Morgen erreiche ich nach einem knapp einstündigen Marsch die Gruppe und kann gemeinsam mit dieser frühstücken. In großer Hitze wandern wir die folgenden Tage ein enges, eigentlich wenig interessantes Tal aufwärts.


Enrico, Andrea, Gerhard und Josef am Beginn des Trekkings

Erst nach 4 Tagen erreichen wir eine Höhe von 1.600 m und es wird etwas angenehmer. Hier werden wir von maoistischen Rebellen aufgesucht und zahlen zusätzlich zu den offiziellen Gebühren von rund 260 US $ auch noch je 20 € an die Maoisten. Wir bekommen eine Quittung und dürfen unsere Wanderung unbehelligt fortsetzen. Am 5. Tag unserer Wanderung meint es der Wettergott nicht gut mit uns; ab dem Mittagessen schüttet es wie aus Kübeln und deshalb möchte ein Teil der Gruppe in einem kleinen Ort in einer Lodge schlafen. Wir setzen uns gerade an den  Frühstückstisch, als uns lautes Gepolter aufschreckt. Josef, der seit 23 Jahren mit mir nach Nepal fährt, ist tatsächlich vom 1. Stock durch eine verrutschte Diele ins Erdgeschoß gestürzt und dort hart aufgeschlagen. Unser Bergdoktor Alois flickt ihn buchstäblich mit Nadel und Zwirn zusammen. Mit starken Schmerzmitteln schafft es Josef dann noch, sich bis Samagaon zu schleppen. Von dort muss er mittels Rettungsflug nach Kathmandu gebracht werden.


Bergdoktor Alois versorgt einen Einheimischen

Einige von uns nützen den Ruhetag in Samagaon für einen Besuch des nahen Manaslu-Basislagers. Dort kämpfen zwei Expeditionen gegen den reichlichen Neuschnee. Dieser macht auch uns die folgenden Tage zu schaffen; auf den Larkaya Peak müssen wir ohne Versuch verzichten. Wir müssen sogar froh sein, den 5.135 m hohen Larkaya Pass überqueren zu können. Insbesondere der Abstieg auf der Westseite des Manaslu-Massivs gestaltet sich für unsere 42 Träger aufgrund des vielen Schnees sehr schwierig.

In der folgenden Nacht beginnt es neuerlich ergiebig zu schneien und wir sind alle froh, wenigstens die Manaslu-Umrundung wandern zu können. Mehrere Tage geht es das Marshyangdi-Tal auf der klassischen Annapurnarunde abwärts.

Im kleinen Dorf Bahundanda treffen wir auf einen ausgewanderten Schweizer Gastwirt, der uns die derzeitige Situation in Nepal sehr dramatisch schildert: Seit fast drei Wochen stehe das ganze Land still, in Kathmandu herrsche bereits eine Hungersnot, der internationale Flughafen sei gesperrt und wir sollten versuchen, über Indien auszureisen. Die ganze Situation ist dann aber doch nicht so dramatisch. Unser Freund Min muss zwar viermal zu einer 1000 m höher gelegenen Militärstation laufen, um dort zu telefonieren. Schließlich gelingt es ihm aber, für uns einen Hubschrauber zu organisieren.

Nach einigem Hin und Her sitzen wir alle samt unserer 11-köpfigen Küchenmannschaft und der vollständigen Ausrüstung im großen russischen Hubschrauber (MI 8), der uns innerhalb von 35 Minuten sicher nach Kathmandu bringt. Auch der Transport ins Hotel funktioniert trotz Ausgangssperre ausgezeichnet. Sogar zum „Shopping“ gibt es Gelegenheit und der lang ersehnte Friseurbesuch ist ebenso möglich. Von einer Hungersnot ist natürlich keine Spur zu sehen!


Unterwegs zum Larkaya Pass (5.135 m)

Die politische Lage stabilisiert sich über Nacht – der umstrittene König setzt wieder die letzte demokratisch gewählte Regierung ein. Damit besteht für die Trekkinggruppe sogar noch die Möglichkeit, die geplante Stadtbesichtigung durchzuführen.

 

Lhotse Expedition

Am Morgen des 25. April fliege ich gemeinsam mit Bir Kumar Rai, Mins jüngerem Bruder, nach Lukla ins Everestgebiet. Nach der ereignisreichen Trekkingtour mit all den organisatorischen Problemen kommt mir die jetzt herrschende Ruhe und Stille seltsam vor. An den ersten zwei Tagen laufe ich viel zu schnell und für meine beiden Träger auch fast zu weit. Ab dem Kloster Tengboche gehe ich gemütlicher. Die Ruhe um mich herum ist mir jetzt vertraut und ich genieße sie zusammen mit der herrlichen Bergwelt des Everestgebietes. Sehr wenige Touristen sind unterwegs, was aufgrund der herrschenden Unruhen und der damit verbundenen negativen weltweiten Berichterstattung auch kein Wunder ist. Problemlos gelange ich nach fünf Tagen ins Everestbasislager, welches gleichzeitig auch für die Besteigung des Lhotse als Ausgangspunkt dient. Am letzten Tag des Anmarsches besteige ich zur Höhenanpassung den am Weg liegenden Aussichtsberg Kala Pattar (5.630 m).

Das Basislager ist für mich ein Schock. Es ist Everest-Hochsaison und es sitzen nicht weniger als 35 verschiedene Teams auf der Moräne des Khumbu-Gletschers. Rund 1000 Menschen sollen sich derzeit hier aufhalten. Das Basislager teile ich mit der „Everest-Dream-Expedition“, bestehend aus drei Damen sowie zwei japanischen Alpinisten, die wie ich auf


Kloster Tengboche im Everestgebiet

den Lhotse klettern wollen. Eigentlich bleibt mir die Spucke weg; nie in meinem Leben habe ich annähernd so viele Anti-Alpinisten auf einem Haufen gesehen, noch dazu am Fuße der höchsten Berge der Welt. Die Schilderungen in Krakauers Buch „In eisigen Höhen“ kann ich vollinhaltlich bestätigen.

Stellvertretend für viele andere möchte ich meine drei „Everest-Dreamteam-Damen“ vorstellen: Die beiden japanischen Ladies sind 67 und 75 Jahre alt, total nett, aber hier natürlich völlig fehl am Platz. Die dritte Lady stammt aus Indien, versucht nach 2004 zum 2. Mal die Besteigung des Everest und brüstet sich damit, noch nie in ihrem Leben auf einem Berg gestanden zu haben. Nachdem sie einen Bergsteigergrundkurs absolviert hat, ist der Everest der richtige Einstieg in eine viel versprechende Alpinistenkarriere! Ich glaube, ich nehme nächstes Jahr an einer Hochseeregatta teil...

Nach zwei Ruhetagen klettere ich zum ersten Mal durch den Khumbu-Eisbruch. Diese wohl gefährlichste Etappe hat bisher schon über 20 Sherpas das Leben gekostet. Erst am 21. April d. J. hat ein umstürzender Serac drei Sherpas getötet und zwei weitere schwer verletzt. Der Khumbu-Eisfall ist wie jede Saison dank der Sherpas – den sogenannten Khumbu-Icedoctors – durch insgesamt 43 Aluleitern und tausende Meter von Fixseilen gesichert. Wie alle profitiere auch ich sehr von diesem „Klettersteig“. Ich klettere den Eisfall jeweils in der Nacht, da es im sogenannten Western CWM in den Vormittagsstunden sehr heiß wird. Bereits am 2. Mai kann ich mein 1. Hochlager auf gut 6.400 m (dem üblichen 2. Hochlager) aufstellen. Es herrscht reges Treiben am „Everest-Highway“; insbesondere die Sherpas pendeln ständig zwischen dem Basislager und den Hochlagern auf und ab. Bis zu 20 Mal durchklettern sie in einer Saison den gefährlichen Khumbu-Eisbruch. Auch ich schleppe


Zeltstadt im Everest Basislager in 5.350 m Höhe

meine Ausrüstung hinauf und kann am 11. Mai mein 2. Hochlagerzelt in gut 7.300 m aufstellen. Dabei stoße ich erstmals ziemlich nahe an meine Grenzen. Hartgepresster Schnee erschwert mir das Ausschaufeln eines kleinen Plateaus in der steilen Lhotseflanke. Starke Windböen lassen mich beim Verankern und Aufstellen des kleinen Expeditionszeltes fast verzweifeln. Leise fluchend gelingt es mir dann endlich, das Innenzelt an vier Punkten zu fixieren, das Gestänge einzuschieben und in mehreren Versuchen das Überzelt zu verankern. Müde aber zufrieden sitze ich anschließend vor meinem Zelt und sinniere über die vielen kleinen Probleme und zusätzlichen Schwierigkeiten eines Alleingängers nach.

Heute erreicht eine chilenische Expedition mit starker Sherpaunterstützung den Gipfel. Gerne hätte ich mich dieser Gruppe angeschlossen, aber ich muss zu meinem 1. Hochlager auf 6.400 m absteigen, da ich für einen allfälligen Gipfelgang zusätzliches Material brauche. Nach einem Ruhetag möchte ich unbedingt einen ersten Gipfelversuch starten, um die vorhandene Spur der Chilenen zu nützen. Leider beginnt es am Mittag des 13. Mai sehr ergiebig zu schneien, und bis in die Morgenstunden des nächsten Tages schickt der Himmel rund 50 cm Neuschnee. Sofort steige ich zur Erholung ins Basislager ab. Mehrere imposante Staublawinen gehen aus der Nuptsewand ins Western CWM ab; vom Lho La – der Gegenseite – donnert eine riesige Lawine über die Aufstiegsroute. Gott sei Dank war dort gerade niemand unterwegs.

Nach zwei Ruhetagen – ich fühle mich blendend – starte ich um 3 Uhr morgens in den Khumbu-Eisbruch. Zügig klettere ich unter Eistürmen, vorbei an Seracs das Trümmerfeld des Eisbruches höher. Nach gut zwei Stunden ist der gefährlichste Abschnitt geschafft und die ersten Sonnenstrahlen treffen auf den gegenüber liegenden Pumori. Bald danach erreiche ich das übliche 1. Hochlager auf ca. 6.000 m. Hier reicht mir ein Sherpa der „Everest-Dream-Expedition“ heißen Saft und klagt über seine Klientin. Am Vortag hat er mit ihr nicht weniger als 15 Stunden für den Aufstieg ins 1. Hochlager benötigt und war auf diese Weise unnötig lange den gefährlichen Eistürmen des Khumbu-Eisbruches ausgesetzt.


Mein Zelt im Basislager und der zerklüftete Khumbu-Eisbruch

Gerade rechtzeitig zum Frühstück bin ich in meinem Hochlager. Deutlich sehe ich frische Spuren, die Richtung Lhotse Couloir verlaufen. Auch Richtung Südcol bzw. Mount Everest ist jetzt eine ganze Kolonne Bergsteiger unterwegs. Im Lager lerne ich den italienischen Spitzenalpinisten Simone Moro kennen. Er hat eine Besteigungsgenehmigung für Lhotse und Everest und plant eine Überschreitung der beiden Gipfel. Wir vereinbaren, den Lhotse gemeinsam zu klettern und wollen uns zu diesem Zweck im 7.800 m hoch gelegenen Lager 4 am Lhotse treffen. Simone will tagsüber vom Lager 2 zum Lager 4 klettern, ich hingegen möchte diese Etappe in der Nacht überwinden, da es mir am Tag zu heiß ist. Um 4 Uhr morgens wollen wir dann gemeinsam die Spur ins Lhotse Couloir legen.

Am Abend des 17. Mai breche ich in 6.400 m Höhe auf. Ich komme gut voran, es ist kühl und bald stockdunkle Nacht. Das ist weiter kein Problem, aber auf gut 7.000 m fällt meine Stirnlampe aus. Auf allen Vieren kriechend suche ich mein Zelt und finde es total zugeschneit vor. Notdürftig schaufle ich es frei und kann mit einiger Mühe den Kocher in Betrieb nehmen.
Über der Gasflamme gelingt es mir, die Stirnlampe wieder zum „Leben“ zu erwecken. Ich koche Tee und fülle meine Thermosflasche auf. Eine würzige Rara Noodle Soup, etwas verfeinert mit Knoblauch und Ingwer, gibt mir die nötige Energie zum Weitersteigen.

Nach zwei Stunden Pause starte ich um Mitternacht. Nachdenklich klettere ich an der Leiche eines am 10. Mai im Lhotse Couloir abgestürzten tschechischen Alpinisten vorbei. Er und sein Kamerad waren im 1. Hochlager sozusagen meine Nachbarn. Deshalb war es natürlich auch für mich besonders bitter, als an besagtem Tag nur einer der beiden zurückkam und mir das Geschehene schilderte... Ich komme gut voran; langsam kommt der Mond hinter dem Nuptse hervor und in seinem schwachen Licht überquere ich das sogenannte „Gelbe Band“, bevor auf ca. 7.700 m die Abzweigung Richtung Lhotse kommt. Von da an wird es zäh – in der vorhandenen Spur breche ich ständig ein. Mühsam steige ich höher.


Beim Überqueren einer der vielen „Spaltenbrücken“ am Khumbu-Gletscher

Im Morgengrauen sehe ich zwei Bergsteiger zum Lager 4 des Lhotse absteigen und in ein Zelt hineinkrabbeln. Ich steige daran vorbei, doch gut 100 Meter höher endet die frische Spur. Bald ist mir klar, warum - zu tief ist der Schnee. Ich sehe keine Möglichkeit, es alleine bis zum Gipfel zu schaffen. Von meinem „Kletterpartner“ Simone Moro ist auch nichts zu sehen. Später erfahre ich, dass er auf rund 7600 m umgedreht und wegen des vielen Schnees auf einen Gipfelversuch am Lhotse verzichtet hat. Er besteigt stattdessen auf der Normalroute den Everest zum 3. Mal und macht die Überschreitung nach Norden.

Seit geraumer Zeit spüre ich meine Zehen nicht mehr. Ich kehre um, steige zum Lager 4 ab und kann dort im Zelt einer italienischen Alpinistin meine Zehen „auftauen“. Sie war es auch, die gemeinsam mit ihrem Sherpa am frühen Morgen einen Gipfelvorstoß unternommen, diesen aber wegen zu viel Schnee abgebrochen hat. Meine Zehen sind schneeweiß, steinhart und fühlen sich wie Eiszapfen an.

Renata – die italienische Alpinistin – bietet mir an, meinen zweiten Fuß zu massieren, während ich bereits den ersten „Eisklumpen“ bearbeite. Zuletzt reicht sie mir ihre im Schlafsack gewärmten Socken und ich bin begeistert und gleichzeitig irrsinnig erstaunt, dass es hier noch eine solche Hilfsbereitschaft gibt. Renata hat sich selbstverständlich eine Milka-Schokolade verdient! Als ich beim Rückmarsch dann auch noch ihren Mann kennen lerne (während sie einen weiteren Versuch startet) ist die Gaudi perfekt.

 

Mir ist jetzt klar, dass ich bei diesen Verhältnissen den Lhotse nicht schaffen kann und steige ins Basislager ab. Am nächsten Tag gehe ich nach Lobuche, wo inzwischen meine Frau mit einer weiteren Trekkinggruppe eingetroffen sein müsste. Kurz unter Lobuche treffe ich auf die Gruppe, die von meinem langjährigen Expeditionskamerad Leander auf den 6000er Lobuche Peak geführt werden sollte.


Lager in 6.400 m mit Blick auf die Lhotseflanke

Groß ist die Wiedersehensfreude! Bei dieser Trekkinggruppe treffe ich nicht nur langjährige Freunde; auch Min ist wieder mit seiner fast kompletten nepalesischen Küchenmannschaft dabei. Selbstverständlich werden speziell für mich köstlichste Mahlzeiten aufgetischt. Ich muss ja für einen nochmaligen Gipfelversuch genug Kraft tanken.

Nach zwei erholsamen Tagen in Lobuche begleiten mich zwei Trekkingteilnehmer – Peter und Bernard – ins Basislager. Sie sind von der Basislageratmosphäre total begeistert und verbringen dort eine Nacht. Ich selbst versuche verschiedene „Lhotseaspiranten“ für einen gemeinsamen Besteigungsversuch ausfindig zu machen, was mir aber leider nicht gelingt. Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits sind zwar inzwischen mit dem Hubschrauber vom Kantsch herübergeflogen, verbringen jedoch noch einige dringend nötige Erholungstage in tieferen Lagen.

So mache ich mich in der Nacht wieder allein auf den Weg, klettere zum 5. Mal durch den Khumbu-Eisfall und bin zum Frühstück in meinem 1. Hochlager. Nach einem ausgiebigen Frühstück steige ich über die Lhotseflanke weiter empor. Dabei macht mir die Mittagshitze (!) sehr zu schaffen; diese Etappe bin ich noch nie so langsam geklettert. Im Lager angekommen verspüre ich sehr starke Kopfschmerzen, gegen die auch zwei Aspro nichts ausrichten können. Als ich dann auch noch erbrechen muss, ist die Moral ziemlich am Boden. Ich liege den ganzen Nachmittag im Zelt und gegen Abend erhole ich mich etwas. Nach einer würzigen Suppe und etwas Schinkenspeck schlafe ich einige Zeit.

Kurz vor Mitternacht breche ich auf. Kaum in der Spur, kämpfe ich mit Durchfall. Es ist Schwerarbeit, in dieser Höhe aus dem Klettergurt, dem Daunenanzug (trotz Rundumreißverschluss) und noch drei weiteren Hosen zu schlüpfen. Ich klettere weiter; die Spur trägt, nur das mit Schnee zugewehte Fixseil muss ich Seillänge für Seillänge herausreißen. Das Gelbe Band habe ich gerade überquert, als mir wieder diese elende Stirnlampe ausfällt. Es ist jedoch weiters kein Problem, da ja ein Fixseil den Weg vorgibt. Leider ist vom Mond nichts mehr zu erwarten. Es ist relativ warm und eine fast windstille Nacht – eigentlich ideale Bedingungen. Ich klettere am Lager 4 vorbei, um einen Felsriegel herum und über die letzte Schneeflanke Richtung Couloir. Es gelingt mir jetzt nicht mehr immer, das überdeckte Fixseil aus dem Schnee herauszureißen. Damit stehe ich völlig ungesichert in der Flanke und die Bilder des verunglückten tschechischen Alpinisten kommen mir immer häufiger und drastischer vor Augen. Leider spielt mein Darm noch immer verrückt und ich muss neuerlich aus der Spur - Klettergurt, Daunenanzug und drei weitere Hosen müssen wieder weg …


Blick vom Lager 3 am späten Nachmittag Richtung Cho Oyu

Vor zwei Tagen musste eine französische Alpinistin mit einem Sherpa den Gipfelversuch im Couloir erfolglos abbrechen und nun stehe auch ich vor dieser Entscheidung. Trotz bester Wetterbedingungen entschließe ich mich auf gut 8.100 m Höhe, den Gipfelversuch aufgrund meiner nicht gerade optimalen Verfassung abzubrechen. Ich bin mir zu diesem Zeitpunkt sicher, dass ich noch um einiges höher gekommen wäre, den Gipfel aber nie geschafft hätte.

Auf dem Rückweg räume ich meine beiden Hochlager ab und schleppe die komplette Ausrüstung - über 30 kg – hinunter. Ein letztes Mal steige ich durch den gefährlichen

 


Sherpa beim Materialtransport in der Lhotseflanke ( ca 7000 m Höhe )

Eisbruch hinunter, mache auf der Basislagermoräne ein Kreuzzeichen und beschließe, nicht mehr in die Nähe des vom Massentourismus völlig entwürdigten Mount Everest zu kommen. Anschließend verbringe ich mit der Trekkinggruppe noch eine herrliche Woche in Nepal und kehre nach zwei Monaten um viele Erfahrungen reicher nach Hause zurück.

Roland Mattle

 

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