News
Iran - Schiexpedition auf den Damavand
Damavand – 5.671 m; Skiberg im Iran
Den höchsten Vulkan Asiens und zugleich höchsten Berg im Iran mit Schiern zu besteigen, war das Ziel zweier Alpingendarmen und eines weiteren Bergsportlers im Frühjahr 2005. Der Damavand, ein erloschener Vulkan, mit seinen 5.671 m ragt etwa 100 km nordöstlich von Teheran über die bis zu 4.500 m hohe vorgelagerte Alborz Gebirgskette, als wäre er der unmittelbare Hausberg der 10 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt.

Gerhard Rad, sein Nachbar und Tourenpartner Christian planten mit Hans Peter Magritzer im Winter 2005 die Schiexpedition zu diesem Berg samt Kulturreise in den Iran. Um die Sache noch interessanter zu machen, nahmen sie Abstand von den üblichen Tourenprogrammen, wie sie von Bergsteigerschulen und Reiserveranstalter allgemein angeboten werden. Sie wollten die zweieinhalb wöchige Reise auch nicht auf diesen einen Gipfel beschränken. Zum einen waren im Norden des Landes die Provinzen Ost- und Westazerbaijan mit der Besteigung des 3.710 m hohen Kuh-e Sahand ein Ziel. Zum anderen war ein Abstecher in die Türkei in das ostanatolische Hochland zum sagen- und legendenumwobenen Großen Ararat mit seinen 5.137 m ein weiteres Reise- und Gipfelziel ins Auge gefasst.
Am 22. April 2005 ging es los und die Gruppe war mit insgesamt 150 kg Reisegepäck auf verschiedenen Reise- bzw. Flugrouten nach Teheran unterwegs. Am International Airport der Millionenmetropole trafen die drei am frühen Morgen des folgenden Tages zusammen und suchten den von zu Hause aus organisierten Mietwagenfahrer. Von Teheran ging es in einer 12-stündigen Fahrt nach Tabriz. Die Fahrt dort hin, wurde zugleich für eine Erkundungstour in das Sahand Massiv genutzt.
So ging es tags darauf früh am Morgen von Tabriz zum ersten Gipfelziel. Der erste Gipfel zeigte sich bei herrlichem Tourenwetter von seiner besten Seite. Sollte der Höhenmesser keine falschen Werte anzeigt haben, dann galt es schwache 1.200 Höhenmeter vom Ausgangspunkt bis zum Gipfel zu überwinden. Die klare Luft ließ den Gipfel aber wesentlich näher erscheinen. Über flache Schneezungen aufsteigend dauert es dennoch mehr als 2 Stunden um endlich um Fuß der Gipfelflanke zu stehen. 450 Aufstiegsmeter waren noch zu überwinden und der erste Gipfel bei idealen Bedingungen problemlos geschafft. Die Abfahrt vom höchsten Punkt der Gebirgsgruppe waren ein schifahrerischer Genuss und die Stimmung in der Gruppe fortan ausgezeichnet.
Das nächste Projekt war nun, die Grenzstadt Bazargan zu erreichen und dort auch den Grenzübertritt vom Iran in die Türkei zu schaffen. Das Visum für die Türkei fehlte noch in den Pässen der drei. Am Grenztor zwischen Niemandsland und Grenze war für den Individualverkehr Schluss. Schier und Gepäck wurden abgeladen und es ging anfänglich voll bepackt zu Fuß zur ca. 1 km entfernten Grenze weiter. Das Prozedere bei der Ausreise aus dem Iran und der Einreise in den EU – Beitrittsbewerber Türkei, einige Tage später in umgekehrter Richtung, war auf beiden Seiten überraschend einfach.
Das ostanatolische Hochland war erreicht. Das dortige Kurdengebiet wird immer noch vom türkischen Militär streng kontrolliert und die PKK hat offensichtlich den bewaffneten Aufstand eingestellt. Der Berg liegt daher im militärischen Sperrgebiet und es ist auch eine Genehmigung für die Besteigung des Ararat die Voraussetzung dafür, sich dem Berg zu nähern. Erst nach Ausstellung des erforderlichen Permits mit Angabe der maximalen Aufenthaltsdauer am Berg, waren die beiden kurdischen Begleiter bereit, die drei am Weg hinauf in das Lager 1 zu begleiten und den Weg zu zeigen.
Der Ararat ist in der Türkei wohl der bekannteste und höchste der zahlreichen Vulkane. Die Arche Noah soll am Berg auch gestrandet sein, der tatsächliche Verbleib ist bis heute aber nicht geklärt. Dies blieb auch diesmal so.
Der Gipfel war zwischenzeitlich noch nie zu sehen, und die Regenwolken kamen immer näher. Der Zeitrahmen ließ aber keinen Spielraum und so ging es bei strömenden Regen hinauf in das Lager. Tropfnass wurde das Zelt aufgebaut und der Rest des Tages wurde mit der Trocknung der Kleidung aufgewendet. Die Nacht und der folgende Tag waren nicht weniger trist und es regnete unaufhörlich weiter. Abends klarte es dann endlich auf und der Gipfel war frisch verschneit in der Abendsonne erstmals zu sehen.
Die weitere Aufstiegsroute wurde bei dieser Gelegenheit studiert und festgelegt. Die folgende Nacht blieb niederschlagsfrei und Optimismus machte sich breit, dass nun das Wetter endlich besser werde.
Das Zelt wurde am Morgen rasch abgebaut und das Lager von 3.000 m auf 4.200 m verlegt. Der Aufstieg in das Lager 2 mit der benötigten Ausrüstung und der zu leistenden Spurarbeit ging jedem ziemlich an die Substanz. Im Lager 2 war noch keine andere Gruppe angekommen und so stand auch der beste Zeltplatz zur Auswahl. Eine Stunde später kam eine größere Gruppe Spanier nach und es wurden weitere Zeltplätze ausgeschaufelt. Schnee schmelzen und Tee kochen waren die Hauptaufgaben für den Rest des Tages. Am nächsten Tag sollte der Aufstieg zum Gipfel spätestens um 04.00 Uhr beginnen. Die Nacht war wiederum stürmisch und es kam neuerlich eine Menge Schnee dazu. Durch den Sturm gelangt der Schnee bis ins Zelt. An einen Gipfelaufstieg war vorläufig nicht zu denken. Auch vormittags trat keine Wetterbesserung ein und die eingeholte Wetterinfo beim Alpenverein in Innsbruck prognostizierte weiterhin nichts Gutes. Mittags wurde im Sturm das Lager abgebrochen. Im Schneesturm und Nebel ging es auf windgepressten Schnee mehr schlecht als recht ins Lager 1 zurück. Die dort zurück gelassene Reserveausrüstung wurde noch rasch auf die Rucksäcke gepackt. Die mit einer Neuschneedecke überzogene Aufstiegsroute vom Tal in das Lager 1 machte den weiteren Abstieg nicht unbedingt leichter. Kurz nach der Ankunft im Tal ging am Ararat ein heftiges Gewitter nieder und die Gruppe sah sich in der getroffenen Entscheidung vollends bestätigt.

Bei der späteren Rückfahrt an die Grenze zeigte sich der Ararat nochmals für kurze Zeit. Schneefahnen, verursacht durch den starken Wind, deuteten darauf hin, dass am Berg immer noch keine Tourenverhältnisse herrschten. Es dauerte auch nicht lange und der Gipfel war wieder in Wolken gehüllt.
Wieder im Iran ging es ca. 1.000 km nach Süden, um nun das eigentliche Ziel in Angriff zu nehmen. Trotz gut ausgebauter Straßen und 3-spurigen Autobahnen dauerte es bis in die Nacht hinein um wieder vor den Toren Teherans zu sein. Noch ein Quartier für die Nacht zu organisieren und früh am Morgen rasch die 50 km durch die Hauptstadt schaffen, waren die nächsten Vorgaben. Das Zimmer für diese eine Nacht war rasch organisiert. Die Fahrt durch Teheran stellte alle auf eine Geduldprobe, da täglich bis zu 3 Millionen Arbeiter in die Stadt pendeln und für das tägliche Verkehrschaos sorgen. Aus den 4 Fahrstreifen werden dann 6 bis 7 Fahrzeugreihen in eine Richtung.
Die Stadt war geschafft und im Norden der Stadt ging es endlich wieder in die Berge. 50 km später sollte vorläufig Endstation an einer der unzähligen mobilen Polizeistationen sein. Die einzige Straße war durch die Polizei gesperrt. Als Grund wurde ein Erdrutsch über eine Länge von mehreren hundert Metern angegeben.

Die Dauer der Sperre wurde anfänglich mit 12 Tagen und nach längeren Diskussionen mit den Polizisten nur noch 12 Stunden angegeben. So war es klar, die anwesenden Polizisten hatten sich scheinbar nicht entsprechend abgesprochen und der Verdacht lag nahe, dass es andere Gründe für diese Straßensperre gab. Ein erster Versuch wurde gestartet und mit dem IPA – Ausweis und „unter Kollegen“ müsse es doch möglich sein, nur noch dieses Stück bis zur Hangrutschung zu fahren. Ein IPA – Ausweis und „Kollegen aus Österreich“ beeindruckten die Beamten in ihren Mercedes 240 E-Klasse absolut nicht. So kurz vor dem Ziel wollte sich trotz allem keiner mehr geschlagen geben. Schließlich entdeckte einer der an der Sperre postierten Polizisten im Nissan Patrol hinter der Windschutzscheibe ein Schweizermesser, das sich gut sichtbar dorthin verirrt hatte. Er zeigte sofort besonderes Interesse dafür und es wurde ihm mit allen Funktionen vorgeführt. Ein rascher Besitzerwechsel ermöglichte umgehend die Weiterfahrt trotz Erdrutsches, der tatsächlich auch nie stattgefunden hatte.

Gusfansara war am späten Nachmittag als Basislager und Ausgangspunkt auf 2.800 m für das letzte Gipfelziel erreicht. Abends kamen eine schwer höhenkranke Griechin und deren Begleiter noch vom Hochlager zurück. Die geringe Sauerstoffsättigung von 68 % machte der Bergsteigerin schwer zu schaffen. Dennoch hatten die beiden Informationen im ausreichenden Umfang über die Bedingungen am Berg. Diese aktuellen News und das Wetter boten optimale Voraussetzungen, um am Folgetag in das Hochlager auf 4.200 Uhr mit den Schiern aufzusteigen. Im Lager angekommen wurden weitere 2 höhenkranke Griechen aus einer 16-köpfigen Gruppe versorgt. Diese Gruppe versuchte den Damavand im Expeditionsstil zu besteigen und war seit 4 Tagen auf dieser Höhe oder tagsüber immer wieder ein kleines Stück höher. Die Frau des Gruppenleiters hatte nur noch eine Sauerstoffanreicherung von 57 % und musste mit einem weiteren Erkrankten sofort vom Berg hinunter gebracht werden. Eine weitere Nacht auf dieser Höhe hätte sie nicht mehr überstanden.
Im Gegensatz zur Taktik der Griechen und auch lagernden Spanier hatten Gerhard, Christian und Hans Peter auch diesen Berg im Alpinstiel angegangen. Die Taktik bestand darin, dass möglichst schnell mit wenig Lagern der Gipfel erreicht wird und danach bis in das Tal in einem durch abgefahren und abgestiegen wird. Wegen der fehlenden Träger und Küchenmannschaft waren aber von jedem einzelnen wesentlich schwerere Lasten in die Lager hoch zu tragen. Der kurze Aufenthalt in den Hochlagern und der immer wieder rasche Abstieg hielt das Risiko einer typischen Höhenerkrankung, wie Lungen- oder Hirnödem, dafür wesentlich geringer als im Falle der Griechen und Spanier war.
Abends wurde wieder Schnee geschmolzen und die mit Tee gefüllten Thermosflaschen in die Rucksäcke gepackt.
Um 04.00 Uhr am Morgen zeigte sich der Himmel sternklar und die letzten Vorbereitungen für den Gipfelaufstieg wurden getroffen. Beim Start um 05.00 Uhr schob sich eine Nebelbank über den Berg immer tiefer herunter und bei im schlechter werdender Sicht wurde der Aufstieg begonnen. Ca. 1.500 Höhenmeter waren noch bis zum Gipfel zu überwinden. Die ersten 500 m waren eine Stunde später geschafft. Der Nebel erschwerte die Orientierung und die Aufstiegsrinne wurde zusehends steiler. Die Bedingungen verschlechtern sich zusehends, Wind und Schneetreiben beschränkten die Sicht auf gleich Null. 500 m fehlten noch zum Gipfel. Daheim eine lockere Sache für etwa eine Stunde. Hier sollte es erheblich länger dauern. Der Wind wurde zum Sturm und hatte zwischenzeitlich 80 km/h und mehr erreicht. Die Temperaturen schienen auch in das Bodenlose zu sinken und die Überhandschuhe wurden immer steifer. 150 Höhenmeter waren noch zum Gipfel laut Höhenmesser zu schaffen. Der Schnee, vom Sturm weggefegt wurde immer weniger und lag in den leeseitigen Rinnen und Mulden eingeweht. Im schneelosen Terrain drang aus den Ritzen und Spalten Rauch und Schwefelgestank. Der höchste Vulkan Asiens zeigte sich also doch noch aktiv. Das Schidepot wurde angelegt und der immer stärker werdende Sturm im Rücken trieb die Gipfelaspiranten zum höchsten Punkt. Gerhard wurde von einer Sturmböe erfasst und 10 Meter vor dem Gipfel umgerissen. Unmittelbar danach lag auch schon der nächste am Boden. Blitzartig wurde jedem klar, dass das Risiko nun nicht mehr kalkulierbar wäre. Gipfelfotos zu machen, darauf verzichtete nun jeder. Alle wollten so rasch als möglich zum Skidepot abzusteigen. Der Abstieg und dabei gegen den Wind anzukämpfen nahm mehr Zeit in Anspruch als es mit Windunterstützung hinauf war. Die Schier konnten im Nebel wieder gefunden werden und ein jeder wollte
von diesem unfreundlichen Ort so rasch als möglich wieder weg. Die Sicht war zwischenzeitlich noch elendiger und ein Withe out mit einer Sichtweite von weniger als 5 m führte dazu, dass keiner mehr wusste, ob die Aufstiegsrinne gefunden wurde, oder es sich um eine der lawinengefährlichen Rinnen handelt. Skitourengenuss war es inzwischen schon lange keiner mehr. Irgendwie gelang es am richtigen Weg nach unten zu kommen und 100 m vor dem Hochlager waren Stimmen zu hören. Nach beinahe 7 Stunden kamen alle ausgefroren und geschlaucht im Lager an. Währenddessen die Gipfeltour wegen des Sturmes beinahe zur Tortur wurde, wurden alle vier Zelte der Spanier im geschützten Hochlager durch den peitschenden Sturm zerfetzt. Nach einer kurzen Rast wurde die restliche Ausrüstung in die Rucksäcke gepackt und mit den Schiern weiter hinunter bis nach Gusfansara abgefahren. Nach genau 9 Stunden waren an diesem Tag 1.500 hm im Aufstieg und 2.900 hm in der Abfahrt und Abstieg unter Voraussetzungen geschafft, die wohl keiner der Teilnehmer daheim bei derartigen äußeren Bedingungen in Angriff nehmen würde.
Versöhnlich stimmten zum Ausklang der Reise die weltberühmten historischen Kulturdenkmäler und islamischen Kultstätten in Qom, Isfahan und Teheran. Die „Achse des Bösen“ geistert scheinbar nur in den Köpfen der Amerikaner seit 1979 herum, denn das Volk der Islamischen Republik Iran ist beispielgebend für Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft.


Hans Peter Magritzer
zurück zur Übersicht