 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
News
Bergabenteuer Indien - Shivling
Ein Bericht von Roland Mattle,
Gendarmeriebergführer und Leiter der Alpinen Einsatzgruppe
Bludenz über seine Himalayaexpedition zum 6.543 m hohen
Shivling in Nordindien.
Seit Monaten beherrscht ein Gedanke
fast jedes Tun. Wird uns der wunderschöne aber sehr steile
Berg Shivling - das Matterhorn Indiens - auf sein 6.543 m hohes
Haupt klettern lassen? Sehr intensiv sind die Vorbereitungen,
sowohl organisch als auch körperlich, wenn eine solche Himalayaexpedition
zu einem Erfolg werden soll.
Am 7. September 2002 besteigen unser Expeditionsleiter Herbert
Wolf, Gendarmeriebergführer aus Bad Ischl, drei weitere
Bergfreunde und ich die AUA-Maschine Richtung Neu Dehli.
Dort werden wir von einem Mitarbeiter einer indischen Agentur
abgeholt. Dann beginnt der übliche Behörden-Spießrutenlauf.
Wir erhalten die Besteigungsgenehmigung, einen Begleitoffizier,
der unseren Aufstieg überwachen soll und werden hier bereits
um rund 3.500,- Dollar erleichtert.
Für die Himalayaregion wird ein spezielles Visum benötigt,
welchem unser übliches Touristenvisum nicht entsprach. Wir
staunen nicht schlecht, als dieses bei der Einwanderungsbehörde
händisch korrigiert wird.
Eine Sight seeing Tour in Dehli führt uns zu den verschiedensten
Kulturdenkmälern, neben dem Roten Fort besichtigen wir das
indische Regierungsviertel sowie die engen aber um so lebhafteren
Gassen in Old Dehli".
|
|
Als es am 3. Tag endlich losgeht,
haben wir von der ungewohnten Hitze mit hoher Luftfeuchtigkeit
und dem Rummel der Millionenstadt längst genug. Mit einem
Bus geht die Reise Richtung Norden, bis Rishikesch. Dort bekommen
wir einen neuen Busfahrer, denn fürs Gebirge wird eine Hill-Driving-Licenc"benötigt.
Zentimetergenau muss dieser Busfahrer den Bus über die steilen
Passstraßen zu unserem Ausgangspunkt in Gangotri pilotieren.
Vorbei an wunderschönen Dörfern, entlang von tiefen
Schluchten geht die Fahrt in zwei weiteren Tagen bis auf gut
3000 m Höhe. Hip Hip don`t sleep! ist eines der humorvollen
Verkehrsschilder, die auf die latente Gefahr eines Absturzes
in die gewaltige Schlucht des Bagirathiflusses hinweisen. Gangotri,
der heilige Pilgerort am Quellfluss des Ganges empfängt
uns leider mit Dauerregen - Nachmonsum" - sagen die
Einheimischen.
Wir haben ja nichts gegen den
Monsum, aber eigentlich war ausgemacht, dass im September in
Nordindien das Wetter schön und stabil sein soll. Mit Sorge
blicken (frei nach BP Dr. Klestil) wir die Berghänge hinauf,
dort wo der Schnee immer weiter herunterkommt und natürlich
ab einer gewissen Höhe sehr ergiebig fällt.
Zwei Tage hält uns der Regen in Gangotri fest; der Weiterweg
ist vermurt und bei diesem Wetter wollen auch die Träger
den zweitägigen Marsch nicht beginnen. |
Mit insgesamt 28 Trägern,
die alle etwa 25 kg tragen, beginnen wir am 3. Tag den Anmarsch
zu unserem Traumziel. Zügig kommen wir voran, obwohl der
Regen den Weg oft weggespült und mehrere Murenabgänge
viele Passagen nahezu unpassierbar werden ließen. Aber
unsere Träger - die zum überwiegenden Teil als Gastarbeiter
aus Nepal hier tätig sind - erweisen sich als äußerst
geländegängig und stark. Der Weg führt nach Gaumuk,
übersetzt Kuhmaul, welches alljährlich das Ziel tausender
hinduistischer Pilger ist. Gaumuk ist ein Gletschertor. Hier
entspringt der Bagirathifluss, aus dem weiter südlich der
Ganges wird.
Zwei Gehstunden oberhalb von
Gaumuk erreichen wir nach Überwindung einer steilen Gletschermoräne
die Tapovanwiese, unseren Basislagerplatz. Leider erwartet uns
hier nicht das versprochene Blumenmeer sondern über 1 m
Schnee. Trotzdem ist es ein herrlicher Platz, unmittelbar dahinter
ragt die gewaltige Spitze des Shivling in den Himmel.
Hier im Basislager richten wir
uns dann häuslich" ein. Neben einem Küchenzelt,
in dem unsere beiden nepalesischen Köche hervorragend für
unser leibliches Wohl sorgen, stellen wir ein Aufenthaltszelt
und unsere Schlafzelte auf. Da wir bereits auf 4.200 m Seehöhe
sind, ist sehr langsames Arbeiten ohne Anstrengung notwendig,
da unsere Akklimatisierung natürlich noch nicht ausreichend
ist. Die folgenden Tage verbringen wir mit Spaziergängen
ums Basislager und einer Erkundungstour Richtung Einstieg. Über
riesige Lawinenfelder gelangen wir zum Westgrat des Shivling.
Durch die gewaltigen Eindrücke kehren wir zu spät um
und so versinken wir beim Rückmarsch durch die Tageserwärmung
oft bis zur Hüfte ein.
|
|
Beim nächsten Anlauf wollen
wir unser 1. Hochlager errichten. Mit etwa 20 kg schweren Rucksäcken
bepackt steigen wir zum Einstieg auf. Dort finden wir ein altes
Fixseil vor. Bei der ersten Belastung reißt es sofort.
Wir wissen nun, dass wir uns auf die alten Seile, wie sie öfters
zu finden sind, nicht verlassen können. Die Wand wird steiler,
der Schnee tiefer, da dieser Bereich im Schatten liegt. Leider
können wir an diesem Tag den Lagerplatz nicht erreichen.
Hüfttief liegt der Schnee. Wir müssen abbrechen und
zum Lager zurückkehren.
Nach einem herrlichen Ruhetag
bei bestem nepalesischen Essen starten wir neuerlich zu unserem
Berg. Wieder bepackt mit neuem Material wie Seilen, Haken, Eisschrauben
und natürlich zu Essen, brechen wir auf. Endlich wollen
wir unser 1. Hochlager in 5.300 m Seehöhe einrichten. Nach
drei Stunden erreichen wir unseren Umkehrpunkt und wieder beginnt
eine sehr mühsame Wühlerei" durch den tiefen,
fast grundlosen Schnee. Über dick verschneite Felsplatten
quälen wir uns Meter für Meter höher. Das Gelände
ist sehr steil und wir müssen Seile fixieren, die in der
Folge unseren Auf- und Abstieg wesentlich erleichtern sollen.
Am frühen Nachmittag können wir endlich unseren Hochlagerplatz
erreichen. In einem Sattel sind schnell zwei Zelte aufgestellt,
wo wir alle fünf Platz haben. Jetzt beginnt die zeitraubende
Tätigkeit der Wassergewinnung. Jeder Tropfen muss aus Schnee
geschmolzen werden. Erst dann ist die Zubereitung eines Tees,
Kaffees oder einer Suppe möglich. Früh kriechen wir
in die Schlafsäcke, bereits bei Sonnenuntergang fällt
das Thermometer weit unter null Grad.
Der neue Tag beschert uns wiederum
sehr tiefe Schneeverhältnisse. Über eine steile Flanke
legen wir unsere Spur höher. Am Beginn einer Steilrinne
erwartet uns überhängender Fels im oberen 5. Schwierigkeitsgrad
und zudem nicht von allerbester Felsqualität. Zentimeter
für Zentimeter schiebe ich mich am brüchigen Felsen
höher, bis ich in eine Steilrinne mit einer tiefen, fast
unüberwindbaren Schneeeinlagerung komme. Mehrere Stunden
brauche ich für die folgenden 40 m; ich muss mich regelrecht
nach oben schaufeln. Meine Rucksackschaufel ist inzwischen das
wichtigste Hilfsmittel zum Klettern geworden. Endlich kann ich
den Grat erreichen und das Seil für meine nachfolgenden
Kameraden fixieren. Der Tag geht wieder zur Neige und dem Vorschlag,
es für heute zu belassen, hat niemand von uns etwas zu entgegnen.
Wir sind am Ende unserer Kräfte.
Nach einer weiteren Nacht im
Hochlager steigen wir wiederum ins Basislager zur Erholung und
für einen weiteren Materialtransport ab.
Bei heimischem Schinkenspeck
- gepaart mit nepalesischer Küche - sammeln wir wieder neue
Kräfte. Wir wollen das stabile Wetter nützen und steigen
neuerlich Richtung Shivling auf. Bald erreichen wir auf der inzwischen
präparierten Route unser 1. Hochlager. Nach einer ausgiebigen
Rast geht es weiter. Der Weiterweg Richtung 2. Hochlager muss
präpariert werden. Wieder können wir in schwieriger
Kletterei fast 200 m Fixseil anbringen. Ein Höhensturm vertreibt
uns aber am frühen Nachmittag und wir steigen in unser 1.
Hochlager ab.
|
|
|
Bei strahlendem Wetter klettern
wir am nächsten Tag wieder mit extrem schweren Rucksäcken
mit dem Ziel auf, heute endlich unser 2. Hochlager unterhalb
des Hängegletschers aufzustellen.
Die schwierigsten Felskletterstellen
warten heute auf uns. Zwei Passagen haben es besonders in sich.
Einmal ein steiler glatter etwa 8 m hoher Riss. Nur mit ausgefeilter
Technik können Herbert und ich ihn bezwingen. Etwas höher
ein weiterer Riss, über 10 m hoch, griff- und trittlos und
total vereist. Über eine Stunde experimentieren wir an dieser
heiklen Stelle, bevor wir den nächsten soliden Stand erreichen
können. Zu dieser schwierigen und äußerst heiklen
Kletterei haben wir noch regelmäßig schwere Rucksäcke
zu schleppen. Das ganze Material für unser 2. Hochlager
(Zelte, Schlafsäcke, Matten, Kocher uam.) ist dabei. Am
späten Nachmittag können wir unterhalb eines alten
Schneebrettanrisses unsere zwei Zelte auf einer Seehöhe
von 5.900 m aufstellen. Bei starkem Sturm brauchen wir alle Hände,
um ein Zelt nach dem anderen zu fixieren.
Leider stürmt es die ganze
Nacht, mehrmals sind wir nicht sicher, ob die Zelte stabil verankert
und fixiert sind. Der morgendliche Aufbruch gestaltet sich dementsprechend
zäh, der Schlaf war rar und wir nur mäßig erholt.
Schritt für Schritt quälen wir uns die Flanke Richtung
Hängegletscher hinauf. Mehrmals sinken wir wieder bis zur
Hüfte ein im Schnee ein, bevor wir endlich unter der steilen
Eiswand stehen. Herbert steigt in die senkrechte Eiswand ein.
Das Eis ist durch die Kälte sehr spröde und die dünne
Luft hier auf über 6.000 m macht uns gehörig zu schaffen.
In heikler Kletterei kann Herbert die ersten 20 m überwinden.
Dann wechseln wir uns ab und es gelingt mir teilweise mit Hilfe
eines alten Fixseiles die folgenden überhängenden 30
Höhenmeter der Eiswand zu überwinden. Den Ausstieg
in flacheres Gelände schaffe ich an diesem Tag nicht mehr.
Eine Schneeauflage verhindert, dass ich mit dem Eisgerät
Halt finde. Ich habe einfach keine Kraft mehr, den Schnee zu
beseitigen. Erschöpft seile ich mich an den Fuß der
Eiswand ab. Für weitere Versuche ist es auch zu spät
und der Wind hat ebenfalls bereits wieder Sturmstärke erreicht.
Müde kehren wir alle zu unserem 2. Hochlager zurück.
Nach einer sturmumtosten Nacht
starten wir am nächsten Morgen sehr früh. In unseren
Spuren vom Vortag kommen wir rasch unter den furchteinflößenden
Serac. Mit unserer Routine können wir an den am Vortag fixierten
Seilen die überhängende Eiswand aufsteigen. Auch der
Übergang ins flachere Gelände gelingt sehr schnell.
Nach und nach steigen die Kameraden über die Schlüsselpassage
auf. Jetzt erwartet uns leichteres Gelände. Der Nachteil
ist allerdings, dass in dem flachen Gletscher sehr viel Schnee
liegt. Wie Wühlmäuse ziehen wir unsere tiefe Spur,
die einem Kabelgraben nicht unähnlich ist, in den Sattel
zwischen Nord- und Südgipfel des Shivling. Über den
Südgrat geht es in atemberaubender Kulisse mäßig
steil bergwärts. Die Spurarbeit ist kräfteraubend.
Auf dem Schnee ist ein Harschdeckel entstanden und bei jedem
Schritt bricht man durch. Darunter ist grundlos tiefer Schnee.
Alle 10 Schritte ist eine längere Verschnaufpause angesagt
und endlich, um 14.30 Uhr des 26. September 2002, können
wir uns am Gipfel des Shivling in 6.543 m Höhe ein kräftiges
Berg Heil" wünschen.
Bei traumhaftem Wetter, einer
gewaltigen Fernsicht und Windstille, genießen wir die herrlichen
Minuten auf dem Gipfel dieses so schwierigen Berges, der uns
gerade noch auf seine Spitze klettern ließ.
Der Abstieg verlangt noch einmal
volle Konzentration; wir gelangen am gleichen Abend bis zum 2.
Hochlager. Am folgenden Tag bauen wir unsere Lager ab und seilen
uns bis zum Einstieg ab. Am frühen Nachmittag können
wir unser Basislager erreichen. Dort werden wir von unseren nepalesischen
Köchen mit einem Festmahl empfangen.
Wie im Traum verbringen wir die
folgenden Tage in Indien. Der Rückmarsch und die Fahrt ins
Tiefland verlaufen reibungslos. Eine dreitägige Besichtigungstour
im indischen goldenen Dreieck von Agra bis Jaipur bildet den
kulturellen Höhepunkt und zugleich Abschluss von unserem
Abenteuer Indien.
Der Gendarmerie-Bergführer-Verband
gratuliert zur erfolgreichen Expedition
und wünscht den Expeditionsteilnehmern auch für die
Zukunft schöne und erlebnisreiche Bergfahrten.
|
zurück zur Übersicht
|
 |
 |
 |
 |
|